Intuitive Kraft
Die Bilderwelt der Künstlerin Mina Novčić
Bereits bei einer ersten Begegnung mit den künstlerischen Arbeiten von Mina Novčić ergibt sich die
Verbindung mit ihrer kreativen Energie wie von selbst. Gerade das Fehlen direkter Botschaften oder
auch Benamungen beflügelt den Wunsch des Betrachters in die Formen- und Farbwelten der
Künstlerin einzutauchen. Das Offene, scheinbar Unvollendete der Bildmotive regt zur
Auseinandersetzung mit Novčić’s Grundbedürfnis an, sich intuitiv auszudrücken, die eigene
Empfindungen in ein künstlerisch-sensorisches Erlebnis umzuwandeln und aus der so in eine Form
gebrachten kreativen Kraft eine Brücke zu bauen, die die inneren Bilder der Künstlerin visuell
übersetzen kann. Dies gelingt Mina Novčić meisterlich. Ihr natürliches Talent, mit spontan
entstehenden Urformen zu gestalten, läßt die abstrakten Bildkonstruktionen niemals ins Belanglose
abdriften. In den Farbflächen, Strukturen und Pinselstrichen bleibt die Energie spürbar, die die
Künstlerin antreibt. Woher kommt diese sinnliche Urgewalt? 1978 in der zweitgrößten serbischen
Stadt Novi Sad geboren, haben sich die kräftigen Farben der heimatlichen Vojvodina und noch mehr
die Energie des größten europäischen Flusses, der Donau, tief eingeprägt. Mina Novčić wuchs direkt am
Ufer des mächtigen Stroms, in einem „Hafen/Liman“ genannten sozialistischen Plattenbaugebiet auf. Die
hohen grauen Betontürme im Gegensatz zu den vorbeifließenden Wassermassen, das sanfte Grün der
nahen Fruška gora Berge und die roten Ziegelfelsen der gewaltigen Festung Petrovaradin sind die
Urfarben und –formen, mit denen die Künstlerin aufgewachsen ist. Wer in der Donaustadt lebt, spürt die
elementaren Gegensätze dieser Region besonders deutlich. Der Trubel der Menschenmassen auf den
Boulevards und die provinzielle Ruhe in den Vorstadtgassen. Das intellektuelle Zentrum eines anderen
libertären Serbiens, Jahrhunderte lang der Außenposten Mitteleuropas direkt an der Grenze zum
despotisch-osmanischen Teil Serbiens mit der Hauptstadt Belgrad. Und die Wiege von serbischer
Unabhängigkeit und Kultur. Mina Novčić ist ganz selbstverständlich und ausdrücklich eine Vertreterin
dieses Geistes. Trotzdem ist sie keine serbische oder vojvodinische Künstlerin. Die politischen
Katastrophen der jüngeren serbischen Geschichte, der Untergang Jugoslawiens, die Kriege der
ehemaligen „Brudervölker“ untereinander und die NATO-Intervention haben auch den Lebensweg von
Mina Novčić in eine andere Richtung gelenkt. Der in ihren Bildern innewohnenden Energie hat aber keinen
Abbruch getan. Im Gegenteil. Die Künstlerin widmet sich bis heute der Suche nach neuen
Gestaltungsformen. Probiert sich in allen Medien, der Malerei, Collagen, Fotoarbeiten, Textilen,
dem Malen mit Ton, Asche oder Erde und kreiert damit einen Materialmix, der so nah wie
möglich am Realen sein möchte. Dazu gehört die Inszenierung ihrer Kunst in der Natur oder im
Stadtraum. Im Material und dem Ausdruck ihrer Kunst manifestiert sich das eigene innere
Leben, die künstlerische Seele. Dabei lehnt Mina Novčić alles Starre ab. Sie strebt nach der
Verschmelzung, der Transformation, nach dem Übergang des inneren Empfindens in den
künstlerischen Ausdruck. Wie bei ihren Bildern teilt sich dies auch in der persönlichen
Begegnung mit der Künstlerin mit. Ihre zurückhaltende, fast stille Natur vermittelt ihre innere
Kraft auch ohne viele Worte. Es spricht etwas Unmittelbares aus dem Werk und dem Mensch
Mina Novčić.
Jan Bejšovec
Berlin, 2020